„Ich versuche das Spiel in einem gewissen Maß zu lesen“

Es geht weiter. Nachdem die SPORTPRESSE in Folge Eins des Podcasts zusammen mit Phil Hofmeister auf die Sport-Berichterstattung im Radio eingegangen ist, werden die Vorzeichen jetzt rumgedreht. Florian Ulrich drückt seine Tätigkeit nämlich ganz ohne Ton und Text, sondern nur in Bildern aus. Der 24-Jährige ist Sportfotograf und aktuell für die Agentur Foto Hübner tätig. Im Gespräch mit Johannes redet Florian Ulrich unter anderem über die größten Herausforderungen seines Berufs und erklärt, welche Eigenschaften jedes Sportfoto haben sollte. Außerdem beschäftigt er sich mit einer zukunftsweisenden Frage für alle Sportfotografen.

Die fünf Fakten zur Person:

  • Fotografierte schon als Schüler Spiele des Karlsruher SC
  • Seit über sechs Jahren für die Agentur Foto Hübner tätig
  • Knipst regelmäßig Spiele der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga, UEFA Champions und Europa League und der Fußball-Nationalmannschaft
  • Außerdem bei weiteren sportlichen Großveranstaltungen im Einsatz (z.B. Frankfurt Marathon)
  • Eines seiner Bilder ziert das Buchcover “Jupp Heynckes und die Bayern”

Florian, der Sport lebt von seiner Dynamik. Davon, dass die Akteure immer in Bewegung sind. Welche Herausforderungen stellt das für Fotografen dar?

Es ist für mich immer wieder die größte Herausforderung, die entscheidenden und emotionalsten Szenen einzufangen. Jede Szene ist einzigartig, wenn man sie verpasst, gibt es keine zweite Chance. Damit hat auch jeder Fotograf schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht. Mir ist zum Beispiel bei dem entscheidenden Elfmeter eines DFB-Pokalspiels, kurz vor Ende der Verlängerung, ein Spieler vor den Schützen gelaufen. Der Autofokus wechselte von dem Schützen auf den kreuzenden Spieler und das Bild war unscharf. Ich konnte also kein verwertbares Bild von der wichtigsten Szene des Spiels anbieten. Vor allem für einen freien Fotografen, der seine Bilder entsprechend verkauft, ist das schlecht. Immerhin wollen die Zeitungen genau dieses Motiv am nächsten Morgen zeigen. Es reicht aber auch nicht aus, ausschließlich gute Fotos zu machen. Auch fernab der Linse spielt bei der Sportfotografie schnelles Handeln eine wichtige Rolle. Gut 40 Sekunden nach der Aufnahme eines Bildes, versende ich es schon an die Redaktionen. Bei Spielen am Abend, wenn die Zeit bis zum Redaktionsschluss richtig knapp wird, ist jede Sekunde dann sogar noch kostbarer. Bei wichtigen Bundesligaspielen sitzen außerdem bis zu 100 Fotografen im Innenraum. Dort Bilder zu machen, die später auch gebucht und von Zeitungen gedruckt werden, ist eine große Herausforderung, aber natürlich auch ein großer Anreiz für mich.

Du sprichst die Konkurrenzsituation unter den Fotografen an. Wie schaffst du es, dich trotzdem in einer gewissen Art und Weise von der Masse abzuheben?

Mit zunehmender Erfahrung entwickelt man eine bestimmte Art zu fotografieren, seine eigene Bildsprache sozusagen. Das sind Merkmale und Eigenschaften, auf die man bei jedem geschossenen Bild achtet. Ich versuche den Betrachter mit klaren Bildern direkt an die Hand zu nehmen. Dabei vertraue ich grundsätzlich auf meine Fähigkeiten und mein Bauchgefühl. Dennoch ist auch eine gute Vorbereitung sehr wichtig. Welches Equipment benötige ich, wo setze ich mich im Stadion hin? All diese Entscheidungen beeinflussen auf verschiedene Art und Weisen das Endprodukt. Während des Spiels muss man hochkonzentriert sein und die Augen stets auf das Spielgeschehen richten, ohne dabei das Drumherum aus dem Bewusstsein zu verlieren. Ich versuche das Spiel in einem gewissen Maß zu lesen. Was geschieht als Nächstes? Werden die Fans lauter? Wie verhalten sich die Spieler? Diese Fragen stelle ich mir im Kopf immer wieder. Vor allem bei Mannschaften, die ich häufiger in Spielen oder auch im Training begleite, gelingt es mir oftmals gewisse Dinge zu antizipieren.

Kannst du ein genaues Beispiel nennen?

Wenn ich Spiele vom SV Darmstadt 98 fotografiere, merke ich das immer wieder. Das hat damit zu tun, dass ich die Mannschaft seit mehreren Jahren im Training, sowie bei Heim- und Auswärtsspielen fotografisch begleite. Manchmal hat man allerdings auch einfach so das Gefühl, dass ein Tor in der Luft liegt. Genau diesen Fall habe ich vor ein paar Jahren beim Bundesligaspiel FC Bayern München gegen den SC Freiburg erlebt. Bei einem Angriff der Bayern habe ich die Kamera einfach mal auf den damaligen Trainer Jupp Heynckes gerichtet. Am Ende bin ich tatsächlich mit einem wunderschönen Torjubel von ihm belohnt worden. Das Bild des jubelnden Heynckes wurde innerhalb eines halben Jahres über zehnmal in der BILD-Zeitung abgedruckt und schmückte sogar ein Buchcover, ganz zu meiner Freude natürlich.

Was macht deiner Meinung nach sonst ein gutes Bild aus?

Mir persönlich gefallen bestimmte Bildmotive immer besonders. Vor allem dann, wenn diese Bilder eine Geschichten erzählen und der Betrachter am Bild hängen bleibt. Wenn es zusätzlich noch Emotionen bei ihm auslöst, hat man als Fotograf alles richtig gemacht. Genau dann beschäftigt sich eine Person nämlich intensiv mit einem Foto. Spektakuläre Zweikämpfe, Enttäuschungen, Jubelbilder und auch Fotos von Zuschauern sind immer tolle Motive. Bei Letzterem können sich oft auch viele Bildbetrachter in irgendeiner Form damit identifizieren, weil sie es vielleicht selbst schon einmal so erlebt haben. Solche Bilder fotografiere ich auch am liebsten. Zu schade, dass Motive mit Zuschauern aktuell nicht möglich sind.

Einige von Florians Bildern in der Übersicht:

Im Zusammenhang mit Fotografie hört man immer gern den Spruch “Bilder sagen mehr als tausend Worte.” Was genau können im Sport Bilder besser ausdrücken als Worte?

Ganz klar Emotionen. Freude und Enttäuschung liegen im Sport nah beieinander. Genau solche Bilder besitzen eine enorme Aussagekraft. Aber auch Bilder von Toren, Roten Karten oder anderen Aufregern in einem Spiel erzählen spannende Geschichten. Diese kann ein Text einfach nicht so vermitteln wie es Bilder tun. Außerdem generieren Bilder beim Konsumenten einen deutlich besseren Wiedererkennungswert. Vor allem in Zeiten von Social-Media ist dies extrem wichtig. Dort scrollt jeder durch seine Timeline und ohne ein auffälliges Bild, liest kaum jemand den dazugehörigen Text.

Bilder können allerdings auch sehr schnell aus dem Zusammenhang gerissen werden. Hast du damit Erfahrungen machen müssen und wie kann man als Fotograf dagegen vorgehen?

Dass Bilder komplett aus dem Kontext gerissen wurden, kam zum Glück noch nicht vor. Da gilt es aber auch als Fotograf im ständigen Austausch mit den Redaktionen zu stehen, um einfach ein Gefühl dafür zu bekommen, was sie am Ende haben möchten. Es ist allerdings vorgekommen, dass Bilder von mir nur für eine bestimmte Art der Berichterstattung genutzt wurden. Das war nach einem Revierderby zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund der Fall. Dort habe ich das komplette Spiel mit allen wichtigen Szenen fotografiert, hatte aber auch Bilder von Ausschreitungen zwischen beiden Fanlagern abgelichtet. Am Ende waren in der Ausgabe einer Zeitung gar keine Spielszenen zu sehen, sondern lediglich die Geschehnisse drumherum. Um dem einigermaßen vorzubeugen, achte ich wirklich immer darauf, dass ich eine breite Auswahl zur Verfügung stelle. Einfach um so gut wie möglich sicherzugehen, dass die Fotos nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden. Was die Zeitungen am Ende daraus genau machen, kann ich natürlich nicht final beeinflussen. Umso wichtiger ist ein vertrauensvolles Verhältnis. Ich muss aber auch sagen, dass es in der Sportfotografie, in Vergleich zu anderen fotografischen Bereichen, deutlich schwieriger ist ein Bild komplett aus dem Zusammenhang zu reißen. Ein Tor bleibt ein Tor und aus einer Roten Karte wird auf einem Bild auch keine Gelbe.

Lass uns zum Abschluss noch einen Blick in die Zukunft wagen. Inwieweit wird sich aus deiner Sicht die Sportfotografie in den kommenden Jahren verändern?

Ich stelle mir die Frage, wie lange Sportfotografen wirklich noch benötigt werden. Die TV-Kameras bei Sportveranstaltungen werden immer leistungsstärker und deren Bilder haben eine immer bessere Qualität. Es kommt bereits jetzt schon immer häufiger vor, dass Verlage das Fernsehbild abdrucken. Vor allem dann, wenn etwa Schlüsselszenen eines Spiels auf den Bildern der Fotografen nicht eindeutig zu erkennen sind oder erst gar nicht fotografiert wurden. Die Frage, ob Sportfotografen in der Zukunft überflüssig werden, ist deswegen gar nicht mal so weit hergeholt. Wie eigentlich in allen anderen Bereichen auch, hilft die aktuelle Zeit da nicht unbedingt weiter. Ganz im Gegenteil, viele Fotografen kämpfen um ihre Existenz, weil aktuell einfach nur wenige ins Stadion können. Die kommenden Monate werden extrem wichtig sein und man kann nur hoffen, dass die Infektionszahlen so schnell wie möglich Lockerungen zulassen.

Noch nicht gehört?

Episode Eins des Podcasts der SPORTPRESSE mit Phil Hofmeister könnt Ihr euch hier anhören. Außerdem ist er auf Spotify und Apple Podcasts jederzeit zum Stream verfügbar!

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