„In den USA wird die Arbeit von Journalisten anders wertgeschätzt“

Die USA – eine Weltmacht? Im Sport auf jeden Fall. Immerhin erfreuen sich die US-Profiligen im Basketball, Football, Baseball und Eishockey großer Beliebtheit auf dem gesamten Erdball. Keine Frage also, dass da auch die Sportberichterstattung eine große Rolle spielt. Doch wie wird in den USA über Sport berichtet? In welchem Verhältnis stehen Sportler und Journalisten zueinander? Diese und weitere Fragen hat Journalist und Dirk Nowitzki-Biograph Jürgen Kalwa der SPORTPRESSE beantwortet.

Die fünf Fakten zur Person

  • 1952 in Kierspe (Nordrhein-Westfalen) geboren
  • Lebt seit 1989 in den USA
  • Arbeitet dort vor allem als Korrespondent für die FAZ und den Deutschlandfunk
  • Setzt sich regelmäßig kritisch mit sportpolitischen Themen wie Doping, Rassismus und Korruption auseinander
  • Autor der Biographie „Dirk Nowitzki – Von Würzburg zum Weltstar“

Herr Kalwa, welchen Stellenwert hat Sport in den USA?

Schaut man sich den finanziellen Umsatz von kommerziellem Sport an, muss er einen sehr großen Stellenwert haben. Immerhin werfen die großen Profiligen in den USA seit Anfang der Neunziger Jahre mehr Geld ab, als beispielsweise die Film- oder Musikindustrie. Der Sport mit all seinen Facetten ist also allein deswegen ein großer Bestandteil der Gesellschaft.

Jetzt sind Sie schon seit über 30 Jahren in den USA. Wie wird dort über Sport berichtet?

Die amerikanischen Sportjournalisten kann man größtenteils in zwei Gruppen einordnen. Man unterscheidet zwischen dem Reporter und dem Kolumnisten. Erstgenannter klebt dabei quasi direkt an einer Mannschaft. Er reist die ganze Saison mit einem bestimmten Team mit und berichtet vor Ort von Spielen und Trainingseinheiten. Im Übrigen kann es da schon mal passieren, dass man über zwei Wochen am Stück wegen Auswärtsspielen quer durch die Vereinigten Staaten fliegt. Der Kolumnist ist im Vergleich zum klassischen Reporter deutlich meinungsfreudiger. Ihm geht es vor allem darum, sich kritisch mit gewissen Themen und Personen auseinanderzusetzen.

Sie sprechen die beiden verschiedenen Arten der Journalisten an. Inwieweit lässt sich dort Ihre Arbeit einordnen?

Persönlich wehre ich mich etwas gegen die Bezeichnung Sportjournalist. Ich sehe mich selbst eher als Journalist, der unter anderem über Sportthemen berichtet. Meine Arbeit ist nicht von der klassischen Berichterstattung geprägt. Während sich andere auf eine bestimmte Sportart oder sogar auf eine bestimmte Mannschaft spezialisieren, berichte ich schon immer über die verschiedensten Sportarten. Das müssten mittlerweile über 20 an der Zahl sein. Mir hilft das ein abgerundetes Bild von der Sportlandschaft hier zu bekommen. Natürlich muss man sich da auch immer wieder aufs Neue in die verschiedensten Sportarten und Themen reinlesen.

Trotzdem haben Sie regelmäßig mit Spielern, Trainern und Funktionären zu tun. In Deutschland, vor allem in der Fußball-Bundesliga, begegnen Spielern den Journalisten mit einer gewissen Distanz. Wie nehmen Sie dieses Verhältnis in den USA wahr?

In den USA wird die Arbeit von Sportjournalisten anders wertgeschätzt. Es gibt bei Reportern und Spielern ein gemeinsames Grundinteresse. Beide Seiten wissen, dass Kommunikation wichtig und gut ist.  Sicherlich ist das natürlich auch eine Art der Öffentlichkeitsarbeit, in Deutschland zeigt sich aber ein anderes Bild. Da zählt noch der alte Grundsatz „Wissen ist Macht“, sprich Akteure wollen so wenig wie nötig preisgeben. In Nordamerika werden Spieler und Reporter schnell zu Bekannten, immerhin sieht man sich während der Saison auch fast jeden Tag. Man fängt also an sich zu vertrauen und findet Wege sich fernab vom Rummel auch mal etwas gründlicher zu unterhalten. Im Übrigen entfällt hier auch der komplette Autorisierungsprozess nach Interviews. Kein Pressesprecher kommt auf die Idee ganze Textpassagen schwärzen zu lassen. Auch das ist ein Grund, warum der Umgang mit den Spielern deutlich angenehmer ist, als man es in Deutschland gewohnt ist.

Blendet man die Einschränkungen aufgrund der aktuellen Situation rund um die Corona-Pandemie aus: Wie macht sich die gegenseitige Wertschätzung bei der alltäglichen Arbeit bemerkbar?

Im Laufe der Zeit wurden Räumlichkeiten geschaffen, die einer großen Anzahl an Journalisten Zugang zu den Spielern ermöglicht. Deswegen ist es in Nordamerika Gang und Gäbe, dass die Reporter nach den Spielen in die Spielerkabine kommen. Dort werden dann für eine gewisse Zeit die Spieler direkt an ihrem Spind befragt. Ob man inhaltlich zufriedenstellende Antworten bekommt, wenn sich Spieler umziehen und halbnackt sind, sei mal dahingestellt. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang noch daran, wie Lothar Matthäus am Ende seiner Karriere in New York spielte. Er stand in Unterhose mit dem Kulturbeutel unter dem Arm da und musste Fragen beantworten. Das war ihm anfänglich sichtlich unangenehm.

Sie haben bereits über den hohen Stellenwert von Sport im Land gesprochen. Die Vergangenheit, auch rund um die Black-Lives-Matter-Bewegung, zeigt, dass politische Diskussionen in den USA bis in den Sport gelangen können. Wie wird darüber in den Medien berichtet?

Bereits 1968 gab es während den Olympischen Spielen in Mexico öffentliche Proteste seitens Sportler. Allein in der jüngsten Vergangenheit hatte man die Debatten um Gleichberichtigung mit der Fußballerin Meghan Rapinoe als Gesicht und um Polizeigewalt gegen Dunkelhäutige, angefangen vom Footballer Colin Kaepernick. Selbstverständlich wird über solche Aktionen berichtet, vor allem, weil politisch engagierte Sportler trotzdem noch immer Ausnahmen sind. Die meisten Athleten meiden so gut es geht politischen Aussagen. Sie haben schlichtweg Angst, dass ihre Aktionen in irgendeiner Form falsch verstanden und in einem anderen Kontext missbraucht werden. Beim großen TV- und Radiosender ESPN gab es erst Anfang des Jahres eine Ansage an die eigenen Produzenten, in der sie daran erinnert wurden, dass Politik in der eigenen Sportberichterstattung keine Rolle spielen darf.

Kommen wir zum Abschluss nochmal zu Ihnen zurück. Sie haben über die Jahre hinweg mehrere Biographien fertiggestellt. Eine davon über den deutschen Basketball-Superstar Dirk Nowitzki. Wie kam es dazu?

Ich habe Dirk Nowitzkis Laufbahn in den USA von Anfang an verfolgt. Als er 1999 nach Dallas kam, führte ich mit ihm das erste große Magazininterview. Das Interesse an seiner Person war in der Folge bekanntlich riesig. Natürlich habe ich, während seiner Zeit in der NBA, immer wieder über ihn geschrieben. Das Buch war ein Versuch seine große Karriere zusammenfassend darzustellen und zu beschreiben. Nicht in der Form, dass ich ihn Tag für Tag begleitet habe, viel eher habe ich meine Eindrücke und Erfahrungen über Nowitzki niedergeschrieben. Das war gar nicht so einfach. Dirk Nowitzki ist keine vielschichtige Persönlichkeit, die ständig in der Öffentlichkeit Meinungen kundtun muss. Er ist ein klarer, positiver und vor allem sympathischer Mensch, der einfach ein herausragender Basketballer im Mutterland dieses Sports war. Genau das wollte ich in meinem Buch verdeutlichen.

Schon gehört?

Episode Zwei des Sportpresse Podcasts mit Michael Leopold gibt es hier

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