„Wir generieren an einem Wochenende bis zu 90.000 Spielberichte“

In den vergangenen Wochen kamen in der SPORTPRESSE bereits mehrere Sportjournalisten aus den verschiedensten Bereichen der Medienwelt zu Wort. Doch besteht die Möglichkeit, dass deren Aufgaben in Zukunft von Maschinen erledigt werden könnten? Diese Frage hat die SPORTPRESSE Alexander Siebert gestellt. Der 40-Jährige kommt aus Berlin und ist Gründer und Geschäftsführer von „Retresco“, einem Unternehmen, welches seit 2014 computergenerierte Spielberichte im Amateur- und mittlerweile auch Profifußball erstellt. Außerdem spricht Alexander Siebert über die Chancen von Inhalten, erstellt durch Künstliche Intelligenz und vergleicht diese mit Texten von Journalisten.

Die fünf Fakten zur Person:

  • 1980 in Berlin geboren
  • Gründete 2008 “Retresco”, einen Anbieter für KI-Lösungen zur Verwertung von Inhalten und Daten
  • Arbeitet seit 2014 an der Generierung von journalistischen Texten
  • Vorberichte für Amateurfußball-Spiele als Einstieg
  • Mittlerweile Content Generierung u.a. bei Spielen der 1. und 2. Bundesliga 

Alexander, zu Beginn eine Verständnisfrage: Wie werden computergenerierte Texte im Sport erstellt?

Textgenerierung basiert heutzutage immer auf Daten, ohne die kann kein Text erstellt werden. Die Daten werden durch unser System in einen Zusammenhang gebracht, sodass den Nutzern letzten Endes deutlich gemacht wird, welche nützliche Informationen hinter diesen Daten stecken. Mithilfe von verschiedenen Algorithmen und Sprachmodellen können die gewonnene Informationen schließlich in Textform wiedergegeben werden. Im Sport können wir mit diesem Prozess zum Beispiel von nahezu allen Amateurfußball-Spielen eigene Spielberichte erstellen lassen. Hier dienen Aufstellungen, Torschützen, Auswechslungen und natürlich Ergebnisse als Datengrundlage, aus der dann ein Fließtext mit allen wichtigen Informationen rund um die jeweilige Partie erstellt werden kann. Im Profifußball erhält unser System noch ein viel größeres Datenpaket. Hier wird jeder einzelner Pass, Schuss oder auch Ballkontakt datentechnisch erfasst. Außerdem werden nicht nur die Daten des aktuellen Spiels ausgewertet, es können zusätzlich wichtige Informationen aus den Spielen davor berücksichtigt werden. Dementsprechend detailliert fallen computergenerierte Texte im Profifußball mittlerweile aus.

Du sprichst den großen Umfang an nützlichen Daten an. Welche weiteren Vorteile bringen Texte, erstellt durch Künstliche Intelligenz, mit sich?

Der mit Abstand größte Vorteil ist natürlich die Geschwindigkeit. Sobald wir die nötigen Daten haben, wird in einer kaum messbaren Zeit von ungefähr 20 bis 50 Millisekunden ein fertiger Spielbericht generiert. Wenn Leute also unmittelbar nach Abpfiff eines Fußballspiels der Ersten, Zweiten oder Dritten Liga im Internet nach dem Endergebnis suchen, kann ihnen direkt ein umfassender Spielbericht angeboten werden. Das ist vor allem bei Wettanbietern sehr beliebt, da diese keine eigene journalistische Redaktion haben. Aber auch Onlinemedien machen davon Gebrauch. Allein deswegen, weil man so direkt nach Spielende Inhalt liefern kann. Außerdem ist die Breite der Berichterstattung einfach einzigartig. Wir genieren an einem Wochenende bis zu 90.000 Spielberichte im Amateurfußball. Selbst wenn ein Bericht dann nur hundertmal angeklickt wird, kann durch die Vielzahl an Texten eine unfassbare Reichweite und Nähe zum Nutzer hergestellt werden. 

Neben dem Zugang zu Informationen, haben die Leser allerdings auch einen gewissen Anspruch an den Schreibstil und das Lesegefühl eines Berichts. Inwieweit können solche Texte diesem Anspruch genügen?

Die Texte bringen definitiv eine große Varianz mit sich. Eine Vielfalt an Formulierungen zu gewährleisten, gehört genauso zu unseren Aufgaben, wie die Verwertung von Daten. Meine Erfahrungen zeigen, dass es für den Leser gar nicht mal so leicht ist, den Unterschied zwischen computergenerierten und von Journalisten verfassten Beiträgen zu erkennen. Falls jemand extrem viele Texte hintereinander liest, wiederholen sich manche Floskeln natürlich. Das ist bei Texten von Journalisten aber auch nicht anders. Deswegen lasse ich die Kritik von manchen Sportjournalisten, die bestimmte Wiederholungen von Satzmustern monieren, auch nicht so durchgehen. Sprache ist in gewisser Weise immer endlich, egal ob sie jetzt durch Menschen oder Maschinen zu einem Text verfasst werden.

Ein Hauptbestandteil des Sports und somit auch des Sportjournalismus sind Emotionen. Während der Sport diese kreiert, liegt es an der Sportberichterstattung die Emotionen entsprechend rüberzubringen. Kann die Künstliche Intelligenz dieser Aufgabe nachkommen?

Wenn es keinen entsprechenden Datensatz gibt, kann die K.I. darüber nicht berichten. Sprich, besondere Ereignisse am Spielfeldrand oder Ausschreitungen auf den Tribünen lassen sich in den Texten nicht wiederfinden. Emotionen auf dem Platz können im Profifußball allerdings ansatzweise aus den Daten abgeleitet werden. Es lässt sich zum Beispiel erkennen, welche Mannschaft gerade spielbestimmend ist oder ob durch viele schnelle Aktionen hintereinander eine gewisse Hektik im Spiel aufkommt. Dazu zählt auch, wenn am Ende ein Team nochmal alles nach vorne wirft und versucht doch noch den Ausgleich zu erzielen. Das sind alles Informationen, die unser System in einem Text berücksichtigen kann.

Gibt es denn für die Zukunft Bestrebungen, Emotionen von außerhalb mit in die Datenerfassung aufzunehmen?

Es wäre möglich das mithilfe der Sozialen Medien aufzufangen. Auf Twitter wird beispielsweise während eines Fußballspiels über Aufreger diskutiert, da könnte sich definitiv ein Stimmungsbild ermitteln lassen. Ich sage aber auch ganz klar, dass sich das in keinster Weise rechnet. Man müsste mit so einer großen technologischen Wucht an diese Sache herantreten, dass Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis stehen würden. Außerdem wäre man sehr anfällig für mögliche Fehlinformationen, was den fertigen Bericht am Ende nur negativ beeinflusst. 

In Branchen, in denen Innovationen rund um Künstliche Intelligenz eine Rolle spielen, haben viele Leute die Befürchtung, dass ihr Job bald komplett von Maschinen erledigt wird. Was sagst du zu diesen Befürchtungen?

Zeiten ändern sich, das ist einfach so. Da darf man jetzt auch nicht um den heißen Brei  herum reden. Es gibt Aufgaben, auch im Journalismus, die durch Maschinen und Systeme einfach effizienter gemacht werden können. Allein wenn es von um die Umwandlung von Daten in Informationen geht, ist es einfach an der Zeit, dass sich Arbeitsabläufe verändern. Trotzdem habe ich noch aus keiner Redaktion gehört, dass jemand aufgrund eines neuen Arbeitssystems mit K.I. seinen Job verloren hat. Hier geht es einfach darum, dass die Aufgaben, die wir bedienen, von keinem Redakteur gemacht werden. Meistens, weil es einfach eine viel zu aufwendige Arbeit ist.

Wäre der Job eines Sportjournalisten im Print- oder Onlinebereich in Zukunft denn komplett durch Systeme zu ersetzen?

Nein, dieser Meinung bin ich nicht. Im Journalismus muss man keine Angst haben, dass Redakteure durch Systeme komplett ersetzt werden. Da sehe ich andere Berufsfelder deutlich stärker betroffen. Die Tatsache, dass Daten in Texte umgewandelt werden können, heißt nicht, dass damit alle Kernkompetenzen eines Journalisten getroffen werden. Meinungsäußernde oder auch investigative Beiträge im Sport bewegen sich ja fernab dieser Datenerfassung. Die Künstliche Intelligenz ist dafür da, Arbeitsabläufe zu vereinfachen und für mehr Effektivität zu sorgen. Da steht der Journalismus in den nächsten Jahren aber auch in der Verantwortung seine Hausaufgaben zu machen. Er muss einfach erkennen, wie er diesen technischen Fortschritt für sich nutzen kann. Berufsbilder ändern sich nun mal.

Was genau kommt denn deiner Meinung nach in Sachen Roboterjournalismus im Sport auf uns zu?

Der Datenjournalismus wird im Sport eine größere Rolle spielen. Allein deswegen, weil mehr jüngere Leute in die Redaktionen kommen. Diese werden sehr gut verstehen, wie man die Technologie noch breiter anwenden kann. Beim journalistisches Endprodukt richtet sich der Fokus immer mehr auf die Einbindung von Videosequenzen. Das gilt zum einen für den Profifußball, aber auch für die Amateure. Auch hier gibt es Bestrebungen, die eine umfassende Videoaufzeichnung der Spiele beinhaltet. Somit könnten Videoschnipsel in die Vor- und Nachberichte eines Spiels eingebunden werden. Keine Frage, dass dies die computergenerierte Berichterstattung auf eine komplett neue Ebene heben würde. Auch bei anderen Sportarten wird sich immer mehr für K.I.-Inhalte interessiert. Ich bin mir sicher, dass es da in Zukunft ebenfalls richtig losgehen wird.

Hier findet Ihr einen computergenerierten Spielbericht als Leseprobe.

Schon gehört?

Episode Drei der SPORTPRESSE mit Marc Schmidt, Sportchef der BILD Südwest, gibt es hier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s